Werbung
Herbert Kastner, der „Vater der Gesamtschule“, ist tot
140224_Kastner-Nachruf

Herbert Kastner, der „Vater der Gesamtschule“, ist tot

Ein halbes Jahr nachdem ihm Kultusministerin Frauke Heiligenstadt in Anerkennung seines lebenslangen Engagements für eine gute Schule das Verdienstkreuz am Bande des Niedersächsischen Verdienstordens verliehen hatte, ist Herbert Kastner am 23. Februar in Hildesheim gestorben. Den Schlusssatz seiner damaligen Dankesrede

– „Wir haben noch einiges vor.“ – hinterlässt er seinen Weggefährten und Mitstreitern nun als verpflichtendes Vermächtnis.

Was er noch vorhatte, ist einer Fülle von Texten zu entnehmen, mit denen er sich kenntnisreich und mit Herzblut an der Entwicklung zu einer humanen, demokratischen und chancengerechten Schule beteiligte. Seine Denkanstöße fanden Eingang in die Wahlaussagen der SPD wie auch in bildungspolitische Grundsatzprogramme der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschulen (GGG). Wer sich in Niedersachsen zu Fragen der Gesamtschule geäußert hat, konnte sich auf Argumentationslinien von Herbert Kastner stützen oder musste sich mit ihnen auseinandersetzen.

Bei der Ordensverleihung würdigte ihn Frauke Heiligenstadt als „Vater der niedersächsischen Gesamtschulen“. Tatsächlich war Herbert Kastner unter den Kultusministern von Oertzen (SPD) und Dr. Remmers (CDU) von 1971 bis 1979 an Planung, Aufbau, Entwicklung und Betreuung der ersten 30 Gesamtschulen in Niedersachsen maßgeblich beteiligt. Schon 1969 hatte ihn die Bezirksregierung Hildesheim in den Planungsstab der Hildesheimer Robert-Bosch-Gesamtschule entsandt. Vierzig Jahre später wirkte er beratend bei der Gründung der zweiten Hildesheimer Gesamtschule, der Oskar-Schindler-Gesamtschule, mit. Am 14. Februar, zehn Tage vor seinem Tod, nahm er an der Einweihung der Mensa dieser Schule teil. In Hildesheim, wo sein Gesamtschulengagement begann, schloss sich nach der Gründung von inzwischen mehr als 70 öffentlichen Integrierten Gesamtschulen (von 116 insgesamt) in Niedersachsen sein Wirkungskreis.

Herbert Kastner, geboren am 29. Mai 1924 in Oppeln/Oberschlesien, setzte sich sofort nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Zweiten Weltkriegs für den Aufbau einer sozialen und demokratischen Gesellschaft ein. Am 16. Oktober 1945 trat er in Zittau/Sachsen in die SPD bei. Im gleichen Jahr wurde er Gewerkschaftsmitglied. Nach dem Lehrerstudium an der Pädagogischen Hochschule Vechta trat er im April 1950 den Schuldienst in Hameln an. Dort war er auch von 1962 bis 1964 Schulrat, danach bis 1967 Schulrat in Alfeld, Schuldezernent in der Bezirksregierung Hildesheim bis 1971 und anschließend bis 1989 Referent und Referatsleiter im Kultusministerium in Hannover. Neben der Gesamtschule hat sich Kastner Verdienste um die Schulentwicklungsplanung und um die Lehrerausbildung erworben. In der (GEW) Hildesheim leitete er viele Jahre die Fachgruppe Schulaufsicht. Nach seinem Eintritt in den „Ruhestand“ zum 1. Juni 1989 setzte er sein bildungspolitisches Wirken fort: in der GEW, GGG und SPD, mit streitbaren, klar Partei nehmenden Artikeln in Zeitschriften, in einem E-Mail-Verteilerkreis, mit Stellungnahmen in Tageszeitungen sowie mit Vorträgen. So mag seine Stimme verstummt sein. All denen, die ihm zugehört haben, wenn er für eine sozial gerechte Gesellschaft und eine chancengleiche, barrierefreie Bildung plädierte, bleibt er ein Vorbild.

Foto: Kastner und Heiligenstadt bei der Ordensverleihung (Foto: Hartmut Häger)

Hinterlassen Sie einen Kommentar