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Zusammenleben erforschen: Uni gründet Zentrum für Bildungsintegration

Zusammenleben erforschen: Uni gründet Zentrum für Bildungsintegration

Zusammenleben erforschen: Uni gründet Zentrum für Bildungsintegration

 

In Hildesheim lernt man nicht operieren, Häuser bauen oder Finanzmärkte analysieren. Aber man lernt und erforscht, wie Menschen zusammen leben, lernen und die Gesellschaft verändern. Nun gründet die Universität Hildesheim
ein „Zentrum für Bildungsintegration – Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften“. Das klingt vielleicht etwas technisch – ist aber mitten aus dem Leben.
„Das neue Zentrum für Bildungsintegration leistet einen wichtigen Beitrag zum Abbau der Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“, sagte Dr. Gabriele Heinen-Kljajić, Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur anlässlich der Gründungskonferenz in Hildesheim. „Die Universität Hildesheim setzt sich vorbildlich für eine bessere Bildungsintegration in Niedersachsen ein.“ Noch bis Samstagabend stellen Wissenschaftler aus Europa, Kanada und den USA dort aktuelle empirische Untersuchungen zum Umgang mit migrationsbedingter Vielfalt im Unterricht und in der Lehrerbildung vor. Rund 300 Fachleute aus Universitäten,
Migrantenorganisationen, Schule und Politik befassen sich mit Schulen in der Einwanderungsgesellschaft.
In einem Einwanderungsland geht es darum: Wie können Menschen mit verschiedenen ethnischen, religiösen, kulturellen, sozialen und sprachlichen Unterschieden zusammen leben und lernen? „Das Leitbild der Stiftungsuniversität Hildesheim stellt sich dieser Herausforderung. Nun setzt die Hochschule einen Maßnahmenkatalog um. Dazu zählen Forschungsprojekte, ein Promotionskolleg,
Tagungen, Publikationen und perspektivisch ein neuer Studiengang Migration und Partizipation“, so Universitätspräsident Prof. Dr. Wolfgang-Uwe Friedrich. Migration nicht länger nur aus einer Problem- und Defizitperspektive betrachten, sondern die Ressourcen in den Blick nehmen – das ist ein Ziel der Uni. „Das Zentrum für Bildungsintegration ist eine Plattform von wissenschaftlichen und
zivilgesellschaftlichen Akteuren, die sich mit Chancengerechtigkeit und Teilhabe in Bildungssystemen auseinandersetzen“, sagt Viola B. Georgi. Gemeinsam mit Filiz Keküllüoğlu und Dr. Lisanne Ackermann möchte die Professorin für Diversity Education nun möglichst viele Wissenschaftler sowie Studierende einbinden Wie Schulen und Bildungseinrichtungen mit den Folgen von Migration umgehen, ist
ein Arbeitsschwerpunkt des neuen Zentrums. Die Niedersächsische Landesregierung steuert dafür 2,85 Millionen Euro bei.

So geht es darum, wie Lehrkräfte auf Mehrsprachigkeit im Klassenzimmer reagieren, wie sie mit Eltern zusammenarbeiten und welche Erwartungen an Lehrende mit Zuwanderungsgeschichte gerichtet werden. „Auch wenn sich Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund häufig in einer Vorbildrolle sehen, begreifen sie sich in erster Linie als Lehrende, die ein bestimmtes Fach
vertreten und vermitteln“, beobachtet Viola Georgi in der Studie „Vielfalt im Lehrerzimmer“. Manche leiden im Schulalltag unter Zuschreibungen. So wird erwartet, dass der türkischsprachige Lehrer eine Konfliktsituation moderiert, die ghanaisch-deutsche Lehrerin Afrika-Projekte initiiert oder der Lehrer aus einer ägyptischen Familie für Übersetzungen in der Elternarbeit bereitsteht. „Alle
Lehramtsstudierenden sollten lernen, mit sprachlicher und kultureller Vielfalt umzugehen“, sagt Georgi. In Hildesheim werden dazu Seminare angeboten.
In einer Studie untersuchen die Wissenschaftlerinnen gemeinsam mit dem Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, wie Migration und Integration im Schulbuch verhandelt werden. Auch die einzelnen Schulfächer bewegen sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität auf die Einwanderungsgesellschaft zu, so Georgi. „Im Deutschunterricht lesen wir neben Goethe und Wolf auch Özdamar, Zaimoğlu oder Schami. Der Geschichtsunterricht steht vor besonderen Herausforderungen: Die Zugänge zu historischen Ereignissen verändern sich.“
Die Forscherinnen befassen sich mit strukturellen Ursachen von  Bildungsbenachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Deutschland tut sich als relativ junges Einwanderungsland – unser Zuwanderungsgesetz ist erst seit 2005 in Kraft – im Bildungssystem immer noch schwer mit migrationsbedingter Diversität. „Jüngst wird verstärkt von struktureller Diskriminierung und Rassismus
gesprochen, etwa wenn es um die Schulübergangsempfehlungen in die Sekundarstufe geht“, sagt Georgi. „Es kommt viel häufiger vor, dass Kinder aus Einwandererfamilien eine Jahrgangsstufe wiederholen als Kinder ohne Migrationshintergrund.
Neben Schulen haben die Forscher und Forscherinnen auch Kultureinrichtungen und Orte informellen Lernens im Fokus. So werden etwa Sprachen – eine ganz wesentliches Element für Teilhabe – ja nicht nur in der Schule gelernt, sondern eben auch in der Familie oder im Theaterprojekt. Im April 2014 startet ein Promotionskolleg, Fächer wie Sport und Musik werden als wichtige Felder für Teilhabe eingebunden. Derzeit läuft eine Studie, um die Vielfalt der Studierenden an der Uni zu erfassen. Ein Schwerpunkt „Bildungsteilhabe von Minderheiten“ wird in Hildesheim aufgebaut. Die Forscherinnen nehmen die Bildungsbenachteiligung etwa von Sinti und Roma in den Blick. International kooperiert das neue Zentrum mit Universitäten in Haifa, Toronto und Boston sowie Istanbul, Kreta und Drammen.
In Hildesheim studieren etwa 2600 angehende Grund-, Haupt- und Realschullehrer sowie 1000 angehende Sozialpädagogen und Erziehungswissenschaftler.
Weitere Informationen online:
www.uni-hildesheim.de/zbi Kurzüberblick Zentrum für Bildungsintegration (pdf):
www.uni-hildesheim.de/media/presse/Zentrum_fuer_Bildungsintegration_Uni_Hildesheim.pdf


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