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Das Lokalderby

Mit großem Dank an Dr. Jörg Hellmann, möchten wir eine Leseprobe aus seinem Fußballbuch „Hallo Brasilien! Wir Kommen! Band I: Amateure“ veröffentlichen.

 

Die nachfolgenden Zeilen sind gewidmet all den unzähligen Amateurfußballern in den unteren Spielklassen, die sich Sonntag für Sonntag den Ärger der Ehefrau und der Freundin, die Wut der Mitspieler, den Zorn des Trainers und den Hohn der Zuschauer zuziehen, nur um ein paar Mal gegen dieses runde Ding treten zu dürfen…..

Ankündigung im Fliedener Wochenblatt: „…präsentieren wir die Mannschaft mit der Vorstellung des Spielerkaters!“

 

Das Lokalderby

oder: Die Leiden des Dorffußballers Willi

 

1. Strophe: Die Ausgangslage

 

Sein Dorfverein spielt voller Rasse

In seines Kreises tiefster Klasse.

Sie treffen nicht sehr oft die Pille,

Doch ihre Stärke ist der Wille

Sie haben Herzblut, haben Schneid

Sie kämpfen tapfer Seit an Seit

Mit Leidenschaft, die Leiden schafft,

Mit bäuerlicher Lebenskraft

Und frönen ohne Ruhm und Geld

Dem wunderbarsten Sport der Welt!

Und sollte gar ein Heimsieg winken,

Dann darf man hinterher was trinken!

Doch wenn sie keine Tore schießen,

Dann müssen sie das auch begießen…

 

2. Strophe: Nach durchzechter Nacht – vor der Schlacht.

 

Der Wecker klingelt zwölf Uhr zehn

Und mahnt den Willi aufzusteh´n!

Er wankt zum Bade – noch benommen,

Als sei er grad nach Haus gekommen,

Was auch der Wahrheit fast entspricht,

Die Spuren sieht man im Gesicht.

Und Willi flucht: „Na, so ein Mist

Wo heute doch das Derby ist.

Als Vorbereitung für das Spiel

War’n 15 Bier wohl doch zu viel…“

 

3. Strophe: Die Vorbereitung beginnt

 

Nun wird ´ne Aspirin genommen.

So kann er auf die Beine kommen.

Der Kopf wird untern Hahn getaucht

Und das gesucht, was man so braucht!

Die Schienbeinschoner sind verschmutzt,

Die Fußballschuhe nicht geputzt.

Dem Willi fehlt die klare Sicht,

Er findet seine Socken nicht.

Doch schließlich ist er kampfbereit,

Nachdem er seinen Darm befreit.

Das Nachbardorf rückt heute an,

Da braucht man wirklich jeden Mann!

 

4. Strophe: Die Anfahrt zum Treffpunkt

 

Er ist noch immer sehr benommen

Und wird zu spät zum Treffpunkt kommen,

Der Kopf ist leer und schwer und dröhnt,

Die Leber ist noch nicht versöhnt,

Die Niere drückt, die Lunge pfeift,

Die Blase zwickt, der Magen kneift

Er hat zum Frühstück nix gegessen,

Das Handtuch hat er auch vergessen.

Da kommt der Fußballplatz in Sicht,

Der Blick des Trainers Bände spricht,

Den Arm verschränkt, so steht er dort,

Er sieht zur Uhr und sagt kein Wort!

 

5. Strophe: Psychologische Kriegführung

 

Die Kumpel grüßen mit Hallo,

Jetzt sind sie elf und alle froh:

„Die haun wir heute richtig wech….!

„Beim letzten Mal, das war nur Pech…!“

„Die werden immer überschätzt!“

„Ihr bester Mann ist auch verletzt!“

„Da hilft kein Klagen und kein Beten,

Ab heute wird zurückgetreten.“

„Wir knallen ihre Bude voll!!“

So langsam steigert sich der Groll.

Der Körper braucht Adrenalin,

Um furchtlos in die Schlacht zu zieh´n!

Man spornt sich an, man macht sich Mut,

Man heizt sich auf, es riecht nach Blut!

6. Strophe: In der Kabine

 

Beim Umzieh´n gibt es keine Ruhe,

Dem einen fehlen seine Schuhe,

Im Koffer sind zu wenig Stutzen,

Die Aspirin war nicht von Nutzen!

Es wird gesalbt, massiert, geölt,

Der Trainer mittendrin und nölt,

Dass mancher noch ´ne „Fahne“ hätte,

Von gestern Abend, jede Wette!

Der Schiri mit der Teenie – Blässe,

Stolziert herein und will die Pässe,

Er guckt in Willis Spieler – Pass:

„Ich kenn Sie schon!“ – und der wird blass,

Denn er gab Willi ohne Not

Beim letzten Male leider „Rot!“

Denn Willi soll den Schiri-Knaben

Ganz hemmungslos beleidigt haben…

 

7.Strophe: Die Ansprache des Trainers

 

Nun aber wird es richtig still,

Weil „Trainer“ noch was sagen will!

Die letzten Worte vor der Schlacht,

Die haben manchen Sieg gebracht.

Der Trainer holt zur Taktik aus:

„Haut richtig rein – und nu geht raus.“

Das wollte Willi sowieso…!

Doch vorher muss er noch zum Klo!!

Es ist besetzt und stinkt nach Rauch!

So steigert sich die Wut im Bauch,

Dann endlich ist der Balken frei,

Die Uhr zeigt deutlich fünf vor drei.

Bei derart schwächlichen Gedärmen

Bleibt keine Zeit sich aufzuwärmen.

 

8. Strophe: Das Spiel beginnt:

 

Jetzt rennt der Willi auf den Platz,

Schon ausgepumpt von dieser Hatz!

Die Beine sind so seltsam schwer,

Die Muskeln scheinen schwach und leer.

Und Willi hofft, dass dieser Mist

Am besten bald vorüber ist!

Da ist der Anpfiff, lang erwartet,

Ein jeder rennt und ruft und startet,

Der Willi kriegt den ersten Ball

Und kommt durch einen Tritt zu Fall….

Er bricht zusammen, schreit und stöhnt,

Sein Gegenspieler aber höhnt:

„Das war ne Schwalbe, gib’s doch zu!“

Der junge Schiri nickt dazu.

 

 

9. Strophe: Die erste Halbzeit

 

Es regnet jetzt, der Platz wird glätter

Vorbei ist auch das Nockenwetter!

Geradeswegs wird Willis Kraft,

Vom tiefen Boden weggerafft.

Sein Gegner foult ihn immer wieder,

Er macht den Kerl mit Worten nieder,

Er sagt ihm, seine Frau geht fremd

Und sei im Bett ganz ungehemmt!

Sein Gegner hat kein Wort gesprochen,

Und haut ihm weiter in die Knochen!

Der Schiri schreit nur: „Weiterspielen!“

Man solle kein Theater spielen…!

 

10. Strophe: Die Torchance

 

Der Willi schwitzt und schnauft im Spiel,

Er trifft das Spielgerät nicht viel,

Verliert auch jedes Laufduell,

Ist mal zu langsam, mal zu schnell,

Doch plötzlich ist die Chance da,

Der Weg zum Ruhm, er ist ganz nah!

Denn vor dem Tor steht Willi frei

Und plötzlich fliegt der Ball herbei!

Der Willi schießt, der Schuss ist Klasse —-

Und trifft beim Würstchenstand die Kasse!

Der Trainer brüllt in wilder Wut,

Der Gegenspieler macht ihm Mut

Und findet ein paar nette Worte

„Hau noch ein paar von dieser Sorte…!“

 

11. Strophe: Die Halbzeitpause

 

Nun sitzen sie in der Kabine,

Der Trainer hat ´ne finstre Miene,

Und plötzlich fängt er an zu schrei´n,

Ob alle denn besoffen sei’n,

Er lasse sich das nicht mehr bieten,

Das Rumgewürge solcher Nieten,

In einer Halbzeit: null zu vier!

Er tritt an die Kabinentür.

Er tobt und brüllt was von Versagen!

„Das Publikum wird Euch verklagen!“

Ein jeder wird beschimpft, blamiert,

Weil das besonders motiviert!!

Der Schiri klopft und fröhlich schreit er:

„Auf, auf, ihr Männer, es geht weiter.“

 

12. Strophe: Das Finale

 

Dem Ende nähert sich der Kampf,

Den Willi quält sein vierter Krampf.

Sein Fuß tut weh, sein Knie ist offen,

Die Kiste hat er nicht getroffen,

Der Trainer brüllt: „Du machst mich krank!

Ich setz dich wieder auf die Bank…!“

Von Fans von draußen kommt als Lohn

Gespött, Gelächter, blanker Hohn!

Was Wesentliches kommt nicht vor,

Der Gegner schießt sein sechstes Tor,

So endet schließlich diese Schlacht

Ein bisschen anders als gedacht.

Und trotzdem ist es Willis Ziel.

Dabei zu sein beim nächsten Spiel!!!

 

Aus: „Hallo Brasilien! Wir kommen! Band I Amateure“, S. 6-15

 

Hildesheimer Literaturverlag – Das Leben ist mit Humor besser zu ertragen!

http://www.politik-satire.de/

 

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